Samstag, 28. Mai 2005

Ein Surfbrett für das Web

Das neue Nokia Internet Tablet könnte der Beginn einer Revolution sein: Endlich wird das Internet vom schweren und teuren PC befreit.

Internet ist eine großartige Sache, aber eigentlich fehlt das optimale Gerät<$0> zu seiner Benutzung. Ein Buch (oder Magazin oder Zeitung) ist Soft- und Hardware in einem: Es beinhaltet den Content und einen Bildschirm in Form von gebundenem Papier, Navigationsstruktur inklusive. Internet liefert den vielfältigsten Content aller Zeiten, aber was ist seine Hardware?

In den meisten Fällen ist es ein PC oder Mac, als Desktop oder Notebook. Das ist für viele Arten des Weblesens ok, weil wir z. B. Information aus dem Internet beziehen, während wir gleichzeitig an einem Dokument arbeiten, und das tun wir mit dem PC. Aber ebenso oft surfen wir, sind reine Leser, und wollen uns mit dem Web an den Küchentisch oder in die Gartenliege setzen. Dafür ist das Notebook bestenfalls eine Notlösung – schwer und aufgrund der Tastatur unhandlich. Tablet PCs wären dafür besser, aber sie sind immer noch schwer und die Tastatur ist nur versteckt (außer bei keyboardlosen Tablets). Vor allem aber: Notebooks ebenso wie Tablet PCs sind teuer.

Darum ist der Eintritt von Nokia in den Bereich so genannter Internet Appliances mit einem Internet-Tablet um 350 Euro besonders bemerkenswert. Internet Appliances waren als Konzept auf der Höhe der Dotocom-Welle en vogue: Geräte, die ausschließlich zur Internetnutzung dienen sollten. Prototyp: Audrey, ein Bildschirm in beetle-ähnlichem Design, mit dem man surfen und mailen konnte – dem aber kein Erfolg beschieden war.

Anders als das Nokia 7710, ein Handy speziell für Internetgebrauch, ist das Nokia 770 Internet Tablet kein Handy: Der Onlinezugang funktioniert über WiFi (und notfalls via Bluetooth und Handy). Der 230 Gramm leichte Bildschirm ist 800 x 480 Pixel groß, was ok aber noch nicht optimal ist zum Surfen; dankenswerter Weise hat Nokia das Gerät als „erstes einer neuen Kategorie“ betitelt, wir können also auf größere Schirme in der Folge hoffen. Und die Verwendung von Linux durch Nokia ist eigentlich eine kleine Zeitbombe, vor der sich Microsoft wahrscheinlich mehr fürchten muss als umgekehrt Nokia vor Windows für Smartphones.

Mit Nokias Marktmacht ausgestattet ist das ein hoffnungsvoller neuer Anlauf für Internet Appliances. Für eine Vielzahl von Benutzern (z.B. auch Schüler) wäre ein gutes Internet Tablet der einzige „PC“ den sie je brauchen: Denn über den Webbrowser kann man heute so gut wie alles machen. Gute Aussichten, dass Internet doch noch seine eigene Hardware bekommt.
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@2005 Der Standard / Helmut Spudich

Die Wiedergeburt der Internet Appliance

Ein Bildschirm, der nur dazu da ist, damit man im Internet surfen kann: Mit seinem ersten Internet-Tablet geht Nokia neue Wege für mobilen Medienkonsum. Überraschung: Man kann nicht damit telefonieren.

Theoretisch ist Internet schon lange mobil. Praktisch wird jedoch überwiegend am Schreibtisch im Netz geschmökert, oder man schleppt einen relativ schweren Notebook mit sich. Oder man verzweifelt an komplexen Internetseiten auf einem kleinen Handybildschirm.

Obwohl Internet dabei ist bisherige Medien im Gebrauch zu überholen, gibt es bis heute keine Geräte die exklusiv der Onlinenutzung dienen. Das ändert sich: Beim LinuxWorld Summit in New York stellte Nokia sein erstes Internet-Tablet vor, eine Art Buch für das Internet. Das Nokia 770 ist ein Bildschirm im Format A6 mit einer Auflösung von 800x480 Pixel (was der Breite gängiger Websites entspricht) vor, mit dem man nur eines kann: Im Web browsen und mailen.

Das Gerät von Nokia überrascht in mehrerer Hinsicht: Es hat keinen Mobilfunkteil, sondern verwendet die Drahtlostechnik WiFi (Wireless LAN). Als Betriebssystem dient Linux und nicht das von Nokia in seinen Smartphones verwendete Symbian. Und obwohl Nokia das 770 als "das erste Gerät einer neuen Produktkategorie von Internet Tablets" vorstellte, tat der Konzern das mit völlig uncharakteristischer Bescheidenheit.

Dabei könnte das 350 Euro teure Leichtgewicht (230 Gramm) zu einem viel verwendeten Weblesegerät für viele Situationen werden: Am Küchentisch für die Morgenlektüre, im Kaffeehaus, in Hotels, im Wohnzimmer. Denn für eine breite Akzeptanz hat es gegenüber jedem Notebook (oder TabletPC) einen Riesenvorteil: Es ist kein PC - weder in der Komplexität der Bedienung, noch im Gewicht, noch im Preis. Damit würde es selbst den "Müttertest" bestehen - ein Gadget, das so einfach ist, "dass es auch meine Mutter benutzen kann", wie es in Technokreisen oft heißt.

Nokia wandelt dabei auf den Spuren anderer Hersteller, die sich schon vor Jahren (glücklos) an so genannten Internet Appliances versuchten. Der wahrscheinlich charmanteste, misslungene Versuch war "Audrey" von 3Com - ein 2000 auf den Markt gebrachter ähnlich großer Bildschirm im Retrodesign auf Palmbasis zum Websurfen, der jedoch ein Telefonkabel benötigte.

Auch Internet Radio - gleichfalls bisher erfolglos - könnte damit eine neue Chance erhalten: Über Internet empfangene Radiostationen könnten über das WiFi-Netz und die Stereoanlage wiedergegeben werden. Auf den Markt kommen soll das Nokia Internet Tablet im heurigen Herbst.
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@2005 Der Standard / Helmut Spudich

E-Learning by Google

Seit vielen Jahren zirkuliert das Schlagwort E-Learning: Die Verwendung "neuer Medien" zum Lernen. Unterschwellig damit verbunden ist das Versprechen, dass Lernen damit kinderleicht wird, so leicht wie Spiele von der CD-ROM, und tatsächlich sind viele Lernprogramme (z. B. Sprachkurse) und Multimedia-Lexika in der Zeit vor dem Internet auf CDs dahergekommen. Mit dem Internet wurde daraus vor allem ein Onlinekonzept.

Diese Formen des E-Learning - strukturiertes, "zielgerichtetes" Lernen - steckt mit wenigen und durchaus respektablen Ausnahmen weiterhin in den Kinderschuhen. Dabei könnten insbesondere Unternehmen alleine durch guten Onlinezugriff auf Handbücher, Schulungsunterlagen, Orientierungsmaterial eine wesentliche Voraussetzung für Weiterbildung schaffen.

Mit internen Blogs (und idealerweise aufwändigeren Portalen und Redaktionssystemen) kann viel individueller Wissenserwerb ermöglicht werden auf dem Weg zum hehren Ziel einer "lernenden Organisation". Die EU-Kommission unterhält ein sehr gutes Portal zum Thema, das quasi E-Learning durch E-Learning vermittelt (elearningeuropa.info). Benutzer können sich registrieren und selbst Input leisten - ein Muster dafür, wie E-Learning durch Partizipation funktioniert.

Aber strukturiertes Lernen durch entsprechende Angebot sind nur eine Lernart; die andere hat sich längst in unseren Alltag eingeschlichen und muss nur bewusst wahrgenommen werden - ich würde es "E-Learning by Google" nennen, wobei Google nur als Prototyp von Suchen und Finden (=Lernen) steht.

Unsere formalisierte Gesellschaft tut sich mit so viel Autonomie schwer, denn Lernen will gewogen und bewertet (bei Bewerbungen, am Gehaltszettel) werden, darum ist selbst Gelerntes scheinbar nichts wert. Aber was macht eigentlich Lernen für Kinder leicht? Die Fähigkeit, der eigenen Neugier zu folgen und herauszufinden, wie etwas funktioniert. Wenn man Kindern eine reichhaltige Lernumgebung zur Verfügung stellt, können sie ihrem Drang folgen und sich jeweils die Inhalte spielerisch aneignen, die gerade ihren Bedürfnissen entsprechen - soweit das Grundkonzept der Montessori-Pädagogik.

Das Internet ist heute eine der reichhaltigsten Lernumgebungen, die man konstruieren könnte, und Google & Co sind der Schlüssel zur Onlinelernwelt. Diese wird häufig gering geschätzt - es fehlt der Stempel für "taugliche" Inhalte, wie bei der Approbation von Schulbüchern (ein ziemliches Relikt).

Aber auch das ist bereits Teil des Lernens: Checken, welche Quellen und Information vertrauenswürdig sind, welche mit Vorsicht nutzbar, welche ungenießbar sind. Unternehmen (wie Bildungsstätten) können diesen Prozess unterstützen, indem sie diese Art des Lernens ausdrücklich gut heißen und interne Möglichkeiten einräumen, sich darüber auszutauschen - etwa über ein Blog, siehe oben. Wikipedia.org ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie Onlinekollaboration zu fundiertem Wissen führen kann.

E-Learning by Google ist eine ziemlich aufregende Sache; leider würde es auf dem CV unter "Ausbildung" wohl noch wenig Eindruck machen. Sollte es aber.
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@2005 Der Standard / Helmut Spudich

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