E-Learning by Google

Seit vielen Jahren zirkuliert das Schlagwort E-Learning: Die Verwendung "neuer Medien" zum Lernen. Unterschwellig damit verbunden ist das Versprechen, dass Lernen damit kinderleicht wird, so leicht wie Spiele von der CD-ROM, und tatsächlich sind viele Lernprogramme (z. B. Sprachkurse) und Multimedia-Lexika in der Zeit vor dem Internet auf CDs dahergekommen. Mit dem Internet wurde daraus vor allem ein Onlinekonzept.

Diese Formen des E-Learning - strukturiertes, "zielgerichtetes" Lernen - steckt mit wenigen und durchaus respektablen Ausnahmen weiterhin in den Kinderschuhen. Dabei könnten insbesondere Unternehmen alleine durch guten Onlinezugriff auf Handbücher, Schulungsunterlagen, Orientierungsmaterial eine wesentliche Voraussetzung für Weiterbildung schaffen.

Mit internen Blogs (und idealerweise aufwändigeren Portalen und Redaktionssystemen) kann viel individueller Wissenserwerb ermöglicht werden auf dem Weg zum hehren Ziel einer "lernenden Organisation". Die EU-Kommission unterhält ein sehr gutes Portal zum Thema, das quasi E-Learning durch E-Learning vermittelt (elearningeuropa.info). Benutzer können sich registrieren und selbst Input leisten - ein Muster dafür, wie E-Learning durch Partizipation funktioniert.

Aber strukturiertes Lernen durch entsprechende Angebot sind nur eine Lernart; die andere hat sich längst in unseren Alltag eingeschlichen und muss nur bewusst wahrgenommen werden - ich würde es "E-Learning by Google" nennen, wobei Google nur als Prototyp von Suchen und Finden (=Lernen) steht.

Unsere formalisierte Gesellschaft tut sich mit so viel Autonomie schwer, denn Lernen will gewogen und bewertet (bei Bewerbungen, am Gehaltszettel) werden, darum ist selbst Gelerntes scheinbar nichts wert. Aber was macht eigentlich Lernen für Kinder leicht? Die Fähigkeit, der eigenen Neugier zu folgen und herauszufinden, wie etwas funktioniert. Wenn man Kindern eine reichhaltige Lernumgebung zur Verfügung stellt, können sie ihrem Drang folgen und sich jeweils die Inhalte spielerisch aneignen, die gerade ihren Bedürfnissen entsprechen - soweit das Grundkonzept der Montessori-Pädagogik.

Das Internet ist heute eine der reichhaltigsten Lernumgebungen, die man konstruieren könnte, und Google & Co sind der Schlüssel zur Onlinelernwelt. Diese wird häufig gering geschätzt - es fehlt der Stempel für "taugliche" Inhalte, wie bei der Approbation von Schulbüchern (ein ziemliches Relikt).

Aber auch das ist bereits Teil des Lernens: Checken, welche Quellen und Information vertrauenswürdig sind, welche mit Vorsicht nutzbar, welche ungenießbar sind. Unternehmen (wie Bildungsstätten) können diesen Prozess unterstützen, indem sie diese Art des Lernens ausdrücklich gut heißen und interne Möglichkeiten einräumen, sich darüber auszutauschen - etwa über ein Blog, siehe oben. Wikipedia.org ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie Onlinekollaboration zu fundiertem Wissen führen kann.

E-Learning by Google ist eine ziemlich aufregende Sache; leider würde es auf dem CV unter "Ausbildung" wohl noch wenig Eindruck machen. Sollte es aber.
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@2005 Der Standard / Helmut Spudich
mathematikos - 28. Mai, 19:48

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